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#MiSA Report – Beziehung statt Verwaltung: neue Wege aus der Langzeit-Sozialhilfe
Ursprünglich war die wirtschaftliche Sozialhilfe zur kurzfristigen Überbrückung und als Weg aus der Armut gedacht. Immer mehr zeigt sich aber, dass Menschen über einen längeren Zeitraum darauf angewiesen sind. Janine Krummenacher hat in ihrer Abschlussarbeit im Master in Sozialer Arbeit die Ursachen des Langzeitbezugs untersucht – und konkrete Massnahmen für die Sozialen Dienste abgeleitet. Der wichtigste Grundsatz lautet: Beziehung statt Verwaltung.
«Sozialhilfe funktioniert heute nicht mehr so, wie sie ursprünglich gedacht war: als kurzfristiges Auffangnetz, um die materielle Existenz in einer schwierigen Lebenslage zu sichern und Menschen aus der Armut zu führen. Heute bringt der Langzeitbezug ganz neue Herausforderungen mit sich.» Dies sagt Janine Krummenacher, die im Sommer 2025 ihren Master in Sozialer Arbeit abgeschlossen hat. Ihre Master-Arbeit «Langzeitbezug von wirtschaftlicher Sozialhilfe – Ursachen, Hintergründe und Massnahmen für die Stadt Luzern» verfasste sie gemeinsam mit einer Arbeits- und Studienkollegin. «In der Praxis begegnen uns zunehmend Sozialhilfebeziehende, die schon mehr als drei Jahre auf wirtschaftliche Sozialhilfe angewiesen sind», erklärt die 30-Jährige. «Uns hat interessiert, weshalb dies so ist – und was man dagegen tun kann.»
Richtungswechsel für Langzeit-Sozialhilfe
Langzeitbezüger:innen sind gemäss SKOS-Definition Menschen, die mehr als 36 Monate Sozialhilfe beziehen. Für die Betroffenen bedeutet dies oft ein Leben am Existenzminimum und eine gewisse Stigmatisierung. «Gesellschaftliche Zuschreibungen können dazu führen, dass sich die Klient:innen als <anders> oder <weniger wert> wahrgenommen fühlen», sagt Krummenacher. Dies könne die Sicht auf ihre eigene Situation und die Wahrnehmung als Teil der Gesellschaft beeinflussen.
Die Stadt Luzern hat sich mit dem Pilotprojekt «Richtungswechsel» dazu entschieden, Massnahmen gegen den Langzeitbezug von Sozialhilfe zu prüfen. Der Richtungswechsel legt den Fokus auf die Verbesserung des Kompetenzerlebens und der Lebensqualität. Dabei wurde der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung mit dem Entgegenbringen von Wertschätzung, respektvollem Zuhören sowie dem Ernstnehmen der Situation der Klientel als von besonderer Bedeutung erachtet.
Die Autorinnen, welche beide für die Sozialen Dienste Stadt Luzern tätig sind, erarbeiteten in ihrer Thesis mögliche Lösungsansätze. Dazu analysierten sie die schweizweiten Ursachen und Hintergründe für den Langzeitbezug und führten Leitfadeninterviews mit Fachpersonen sowie Langzeitbeziehenden, die als Expert:innen zur Thematik befragt wurden.
Langzeitbezug hat viele Ursachen
«Wenn wir uns die Ursachen für den Langzeitbezug anschauen, wird deutlich, dass es selten nur einen Grund gibt», sagt Janine Krummenacher. Oft handle es sich um eine Kumulation von Risikofaktoren. Dazu gehörten individuelle Faktoren wie chronische Krankheiten und vermehrt psychische Leiden, Migration, aber auch die Vererbung von Armut, wenn Kinder in Haushalten aufwachsen, die bereits Sozialhilfe beziehen und dadurch unter anderem weniger Selbstwirksamkeitserfahrungen machen.
Doch nicht nur individuelle Faktoren spielten eine Rolle, sondern auch strukturelle und institutionelle, erklärt die Master-Absolventin. «Strukturelle Faktoren sind etwa ein erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Bildungsangeboten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie speziell bei Alleinerziehenden, die verschärfte Praxis bei der Zusprache von IV-Renten und bürokratische Hürden.» Als institutionellen Faktor nennt Krummenacher die hohen Fallzahlen in der Sozialhilfe. Diese führten dazu, dass Langzeitbeziehende aufgrund fehlender Zeitressourcen teilweise nur noch administrativ verwaltet statt ressourcenorientiert beraten werden könnten.
Beziehung statt Verwaltung
Aus ihren Erkenntnissen leiteten die beiden Sozialarbeiterinnen Handlungsempfehlungen für die Sozialen Dienste ab. «Unsere Analyse hat sehr deutlich gezeigt, wie wichtig die Beziehungsarbeit mit den Klient:innen und der Aufbau von Vertrauen ist», sagt Krummenacher. Dafür sei es essenziell, den Betroffenen und ihrer persönlichen Situation mit Wertschätzung und Verständnis zu begegnen. «Es braucht ressourcenorientierte Beratung und individuelle Unterstützung und nicht blosse <Verwaltung>, denn diese führt zu Perspektivenlosigkeit auf beiden Seiten», gibt Krummenacher zu bedenken. Eine Reduktion der Falllasten soll Sozialarbeitenden mehr Zeit für die individuelle Begleitung geben.
Ressourcen stärken, Perspektiven eröffnen
In der Praxis sei die Reflexion von Machtverhältnissen und Ermessensspielräumen ein weiterer wichtiger Punkt. «Die Fachpersonen haben oft weitreichende Entscheidungsmacht. Genau deshalb braucht es eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle.» Zudem müssten Empowerment und Selbstwirksamkeit von den Professionellen aktiv gefördert werden: «Menschen in prekären Lebenslagen brauchen nicht nur Unterstützung, sondern auch die Erfahrung, dass sie selbst etwas bewirken können. Das bedeutet, Ressourcen zu stärken, Perspektiven zu eröffnen, Betroffene in Prozesse und Entscheidungen einzubeziehen und gemeinsam Ziele zu entwickeln», sagt Krummenacher.
Einen besonderen Fokus legen Krummenacher und ihre Kollegin auf die Armutsprävention bei Kindern und Jugendlichen, um die Spirale der Armutsvererbung zu durchbrechen. Zudem ging aus den Interviews mit Fachpersonen hervor, dass es sinnvoll sei, bei Langzeitbeziehenden ohne Perspektive auf dem Arbeitsmarkt den Kontrolldruck zu senken und ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Nicht zuletzt sollen eine proaktive Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit helfen, Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen und die Stigmatisierung von Sozialhilfe-Empfänger:innen zu verringern.
Veränderungen anstossen
Janine Krummenacher arbeitet gerne in der Sozialhilfe und hat Freude an der direkten Arbeit mit den Klient:innen. «Den Master habe ich absolviert, weil mich das Strukturelle hinter der täglichen Praxis interessiert. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, wie man Dinge verändern kann», erklärt die Entlebucherin. «Gleichzeitig könnte ich es mir gut vorstellen, Organisationen und Teams weiterzuentwickeln. Deshalb wäre eine Kombination von beidem toll. Wer weiss? Vielleicht finde ich sie eines Tages.»
Eva Schümperli-Keller
Janine Krummenacher ist auf einem Bauernhof in Escholzmatt aufgewachsen. Nach ihrer Ausbildung zur Köchin und einigen Jahren im Beruf absolvierte sie die Berufsmaturitätsschule Gesundheit und Soziales und machte anschliessend den Bachelor in Sozialer Arbeit, den sie 2021 abschloss. Seither arbeitet sie im Beratungsteam Sozialhilfe der Sozialen Dienste der Stadt Luzern. 2025 erwarb Janine Krummenacher den Master in Sozialer Arbeit. In ihrer Freizeit macht sie gerne draussen Sport, hilft auf dem Hof der Eltern mit («es gefällt mir, nach der Arbeit im Büro mit den Händen zu arbeiten»), kocht für Freund:innen und Familie, geht an Metal-Konzerte oder zu den Spielen der SCL Tigers.

Transformation gestalten - das Master-Studium in Sozialer Arbeit
Diese Abschlussarbeit ist im Rahmen des Masters in Sozialer Arbeit entstanden. Das Master-Studium ermöglicht Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit eine optimale Positionierung für anspruchsvolle Aufgaben in Praxis, Forschung sowie Lehre und eröffnet neue berufliche Aussichten. Der Master in Sozialer Arbeit ist eine Kooperation der Fachhochschulen Bern, Luzern und St. Gallen. Neben den Basismodulen bieten die Standorte thematische Schwerpunkte zur individuellen Profilschärfung. Mit dem Projektatelier und der Forschungswerkstatt sowie in der Master-Arbeit können die Studierenden aktuelle Fragen aus der Praxis bearbeiten und ihre Forschungshandwerk erproben und schärfen.
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