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#MiSA Report – Nicht heute, vielleicht morgen. Politische Teilhabe junger Menschen
Ist die politische Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz gewährleistet? Wie können sie im politischen System mitwirken? An diesen Fragen orientierten wir uns in der Forschungswerkstatt des Kooperationsmasters, um die politische Partizipation junger Menschen zu untersuchen.
Die Kinder‑ und Jugendpolitik in der Schweiz blickt auf eine lange Entwicklung zurück. Bereits seit 1973 finden sich erste parlamentarische Vorstösse, die eine stärkere Berücksichtigung der Anliegen Minderjähriger fordern. Mit der Ratifizierung der UN‑Kinderrechtskonvention 1997 erfolgte ein zentraler Meilenstein: Der Paradigmenwechsel vom Rechtsobjekt zum Rechtssubjekt. Dieser begründet einen ausdrücklichen Anspruch auf aktive Partizipation von Kindern und Jugendlichen (EDA, 2026).
Doch wie wird dieser Anspruch auf nationaler Ebene diskursiv verhandelt? Welche Vorstellungen von politischer Teilhabe werden sichtbar? Und wie werden Interessenvertretungen sprachlich gerahmt? Mithilfe der kritischen Diskursanalyse nach Jäger (2024) untersuchten wir aktuelle Parteiprogramme und Positionspapiere der sechs stärksten Parteien der Schweiz, namentlich der FDP, Grünen, Grünliberalen, Mitte, SP und SVP. Diese Dokumente bilden zentrale Orientierungspunkte für politisch Interessierte und erlauben Einblicke, wie Kinder- und Jugendpartizipation diskutiert und gestaltet werden soll.
Junge Menschen als Subjekte
Trotz der unterschiedlichen politischen Ausrichtung war allen Parteien gemeinsam, dass sie Kinder und Jugendliche eher als Objekt sahen. So werden sie entweder als «Humankapital», «Zukunftsobjekt», «Schutzobjekt», «Familienanhang» beziehungsweise «Hoffnungstragende» oder als «Problemerzeugende» in den Diskurs gesetzt. Obschon sich die Definitionen je nach politischer Ausrichtung der Partei innerhalb dieser von oben formulierten Kategorien unterscheiden, ist ihnen die Objekthaftigkeit von Kindern und Jugendlichen gemeinsam. Die einzige Ausnahme: die Forderung nach einem Stimmrecht ab 16 Jahren, die nur die Grünen erwähnen.
Der durch die UN‑Kinderrechtskonvention formulierte rechtliche Paradigmenwechsel vom Objekt zum Subjekt, widerspiegelt sich also diskursiv (noch) kaum in den nationalen Partei- und Positionspapieren. Kinder und Jugendliche werden so erst mit ihrer Volljährigkeit als selbstbestimmtes Subjekt mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen wahrgenommen. Wenn aus der gesellschaftlichen Perspektive verständlich wird, dass man Kinder schützen will, fehlt dagegen die Wahrnehmung von Kindern als auch eigenständige und handlungsmächtige Akteur*innen: Kinder und Jugendliche behalten dort Objektcharakter.
Kinder- und Jugendpolitik als Teilhabepolitik
Bestrebungen für eine aktive politische Mitbestimmung lassen sich in den Parteipapieren kaum erkennen. Diesen Eindruck bestätigt auch die beigezogene Forschungsliteratur, die sich vorwiegend auf Deutschland bezieht. Kinder und Jugendliche werden insbesondere als Adressat*innen von Fürsorge wahrgenommen. Der Experte für Kinderpolitik Michael Klundt (2017) stellt fest, dass Kinder und Jugendliche vor allem in zwei Kontexten vorkommen: einerseits im Bildungsbereich, der sich zwischen Schule und Jugendhilfe bewegt, andererseits im Bereich der Prävention, in dem es um Massnahmen gegen Gewalt, Drogenkonsum, Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit oder Extremismus geht. Kinder- und Jugendpolitik im Sinne einer Teilhabepolitik führt hingegen eher ein Schattendasein (vgl. ebd., S. 16). Sie ist in den Parteipapieren nicht explizite erwähnt.
Aus fachlicher Sicht wäre angezeigt, dass das Recht auf Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen nicht nur formal anerkannt wird. Sie sind als Individuen Subjekte der Politik mit spezifischen Vorstellungen, Problemen und Fähigkeiten, was auch in politischen Diskursen auf nationaler Ebene Ausdruck finden muss. Unsere Analyse zeigt nun aber, dass die Parteipapiere, fast ausschliesslich normative Vorstellungen Erwachsener beinhalten.
Die Soziale Arbeit kann dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche als politische Subjekte wahrgenommen werden, indem sie beispielsweise Partizipationsräume stärkt, niederschwellige Beteiligungsformen anbietet, Kinderrechte konkret umsetzt und ihre Perspektiven in Entscheidungsprozesse einbringt. Es geht letztlich darum, Kinder und Jugendliche als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt anzuerkennen und miteinzubeziehen.
Nicola Gross, Nina Grütter Iseli, Rafael Rommel, Rispa Wanja Stephen, Melanie Priska Unterkofler
Transformation gestalten - das Master-Studium in Sozialer Arbeit
Die Autor*innen haben im Frühlingssemester 2026 an der Forschungswerkstatt des Kooperationsmasters in Sozialer Arbeit teilgenommen, die Teil ihres Vertiefungsstudiums ist. In diesem Modul durchlaufen die Studierenden in Kleingruppen die einzelnen Phasen eines Forschungsprozesses. Sie entwickeln ansatzweise ein eigenes Forschungs- oder Evaluationsprojekt, lernen verschiedene Forschungsmethoden kennen und üben sich in der deren theoriebasierten Umsetzung. Ihr theoretisches Wissen können sie so mit praktischen Inhalten verknüpfen.
Informationen zum Kooperationsmaster finden sich hier
Quellenangaben
Die Mitte Schweiz. (o. D.). *Gesundheit abgerufen am 7.6.2026 von*. https://die-mitte.ch/themen/gesundheit/
Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). (2026). Übereinkommen über die Rechte des Kindes. https://www.eda.admin.ch/de/uebereinkommen-ueber-die-rechte-deskindes
FDP. Die Liberalen Schweiz. (o. D.). Positionen. Abgerufen am 7. Juni 2026, von https://www.fdp.ch/positionen
Grüne. (2023). Agenda 2023-2027: Grünes Wahlprogramm [PDF]. Abgerufen von https://verts.ch/wp-content/uploads/2023/05/Agenda-2023_Version_4.1_d.pdf
Grünliberale Partei GLP. (o. D.). Vom Aufstieg zur politischen Schlüsselrolle: Erfahre mehr über die Erfolgsgeschichte der GLP [Website]. Abgerufen von https://grunliberale.ch/partei/verein/unsere-geschichte/
Grünliberale Partei GLP. (2023). Strategiepapier für eine moderne Gesellschaft [PDF]. Abgerufen von https://grunliberale.ch/wp-content/uploads/2024/09/Strategiepapier-Moderne-Gesellschaft.pdf
Jäger, Siegfried, Jäger, Margarete, Wamper, Regina, & Nothardt, Benno (2024). Kritische Diskursanalyse: Eine Einführung. (8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage). Unrast Verlag.
Klundt, M. (2017). Kinderpolitik. Eine Einführung in Praxisfelder und Probleme. Beltz Juventa. Weinheim Basel
SP. (2010). Parteiprogramm. Für eine sozial-ökologische Wirtschaftsdemokratie [PDF]. Abgerufen von https://www.sp-ps.ch/wp-content/uploads/2022/06/parteiprogramm_fuer_eine_sozial-oekologische_wirtschaftsdemokratie_2010.pdf
SVP Schweiz. (2023). Parteiprogramm der Schweizerischen Volkspartei 2023 – 2027. Abgerufen von https://www.svp.ch/positionen/parteiprogramme/

