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#MiSA Report: Stressbewältigung ist nicht Privatsache, sondern institutionelle Verantwortung
Sozialpädagog:innen in Sonderschulen sind zahlreichen Stressoren ausgesetzt: vom herausfordernden Verhalten der Schüler:innen über Personalmangel, von der Realität eingeholte Idealvorstellungen der pädagogischen Arbeit bis zur Schwierigkeit, nach Feierabend abzuschalten. Tatjana Kovacevic Matekalo zeigt mit ihrer Abschlussarbeit im Master in Sozialer Arbeit: Berufsbedingter Stress ist eng mit strukturellen Rahmenbedingungen verknüpft. Deshalb müssen die Institutionen bei dessen Bewältigung mit ins Boot geholt werden.
«Die vielleicht wichtigste Erkenntnis meiner Master-Arbeit: Es ist nicht das herausfordernde Verhalten der Schüler:innen, das Sozialpädag:innen in Sonderschulen hauptsächlich belastet. Es sind strukturelle Rahmenbedingungen wie personelle Unterbesetzung, ständige Fluktuation im Team oder die Flut digitaler Nachrichten, die als Belastungen im Fokus stehen.» Dies sagt Tatjana Kovacevic Matekalo. Sie ist selbst Sozialpädagogin und hat im Sommer 2025 mit ihrer Arbeit «Belastungsfaktoren und Bewältigungsstrategien in einer Sonderschule in der Deutschschweiz: Unterstützung zur Stressbewältigung von Sozialpädagog:innen» ihren Master in Sozialer Arbeit abgeschlossen. Ihre Interviews mit Berufskolleg:innen zeigen, dass diese durch die Organisationsstruktur der Institution deutlich stärker belastet sind als durch die pädagogische Arbeit selbst. «Das hat mich in dieser Deutlichkeit überrascht.»
Hohe Anforderungen an Sozialpädagog:innen
Während ihres Master-Studiums arbeitete Tatjana Kovacevic Matekalo, die vor dem Master in Sozialer Arbeit ein Bachelor-Studium in Erziehungs- und Bildungswissenschaften abgeschlossen hat, selbst in einer Sonderschule. «Ich erlebte in der Praxis täglich die hohen emotionalen Anforderungen, welche die Arbeit in einer Sonderschule stellt», erzählt sie. Der Umgang mit intensiven emotionalen oder herausfordernden Situationen, wenn Schüler:innen Angst, Wut oder Frustration zeigten, sei herausfordernd und erfordere von den Betreuenden Konfliktmanagement und Deeskalationsfähigkeit.
Dreierlei Stressoren
Solches Verhalten der Schüler:innen, das in manchen Fällen auch die Sicherheit anderer gefährden kann, ordnet Kovacevic Matekalo in ihrer Arbeit als «interaktionelle Belastung» ein. In den Interviews zeigte sich, dass dieses von den Sozialpädagog:innen als Teil der täglichen Arbeit erwartet wird und gut durch ein funktionierendes Team abgefedert werden kann, sofern pädagogische Standards nicht aufgrund vieler Wechsel im Team ständig neu verhandelt werden müssen.
Daneben nennt Kovacevic Matekalo in ihrer Arbeit «individuelle Belastungen» sowie «institutionelle Belastungen», welche die Professionellen in Sonderschulen beschäftigen. Unter die institutionellen Belastungen fallen beispielsweise unklare Kommunikationswege, Personalmangel oder eine ungesunde Teamdynamik. Zu den individuellen Belastungen gehören die Schwierigkeit, nach Dienstschluss emotional abzuschalten, sowie eine gewisse Frustration, wenn eine Diskrepanz zwischen dem gelernten Ideal (individuelle Förderung der Lernenden) und dem Schulalltag (blosse Aufsicht wegen Personalmangel) wahrgenommen wird.
Stress ist individuell, aber nicht Privatsache
Aus den Ergebnissen ihrer Interviews, erläutert Kovacevic Matekalo, erkenne man deutlich, dass die individuellen Belastungsfaktoren eng mit den strukturellen Rahmenbedingungen verknüpft seien. «Deshalb stossen die Mitarbeitenden bei der Stressbewältigung unweigerlich an die Grenzen ihres Einflussbereichs, denn sie können an der Organisationsstruktur nichts ändern», erklärt sie. «Ich konnte immer wieder beobachten, wie Mitarbeitende die Herausforderungen ihrer Arbeit still ausgehalten oder höchstens hinter vorgehaltener Hand in der Kaffeepause besprochen haben. Stress wird als Privatsache behandelt.» Dies nahm die 29-Jährige als Kluft zwischen der Selbstfürsorge der Professionellen und der institutionellen Verantwortung für die Gesundheit der Mitarbeitenden wahr: «Wenn die Stressoren in der Organisationsstruktur begründet sind, ist es an der Zeit, das Gespräch mit den Vorgesetzten zu suchen und sich gemeinsam die Rahmenbedingungen der Institution anzusehen.» Dabei könne man durchaus auf offene Ohren hoffen: Der Fachkräftemangel sowie die hohe Fluktuation in diesem Sektor drängten die Institutionen dazu, den Gesundheitsschutz der Mitarbeitenden zu stärken.
Handlungsempfehlungen für Institutionen
Was als Stressfaktor bewertet wird, erklärt Kovacevic Matekalo, sei individuell und von Mensch zu Mensch verschieden. Stress entstehe nicht durch Ereignisse an sich, sondern durch deren individuelle Bewertung, wie es das Transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus und Susan Folkman zeige: Während Person A eine Situation bloss als Herausforderung wahrnehme, löse sie bei Person B Stress aus.
Dass die Mitarbeitenden zwar durch unterschiedliche, aber häufig durch die Organisationsstruktur bedingte Stressoren belastet seien, müsse für die Institutionen Grund genug sein, sich um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu kümmern und sie nicht als «Privatsache» abzustempeln: «Wichtig sind emotionale Reflexion und strukturelle Entlastung», erklärt Kovacevic Matekalo. Supervision und Intervision sollten fester Bestandteil der Arbeitszeit sein, um die «pädagogische Ohnmacht» – also die Diskrepanz zwischen Ideal und Schulalltag – aufzuarbeiten. Institutionalisierte Zeitfenster, in denen es nicht um die Schüler:innen, sondern um die Psychohygiene der Mitarbeitenden geht, könnten mit «Self-Care-Tagen» eingeführt werden. Zudem sollten die Schulleitungen prüfen, welche Informationen über welche Kanäle fliessen, um die Flut digitaler Nachrichten einzudämmen, die das Abschalten an Abenden und freien Tagen erschweren. Und nicht zuletzt sollten die Pausenbereiche der Mitarbeitenden von jenen der Schüler:innen räumlich getrennt sein, um echte Erholung zu ermöglichen.
Langfristig gesund bleiben
Heute arbeitet Tatjana Kovacevic Matekalo als Teamleiterin bei der Stitung zuwebe. Dort lässt sie die Erkenntnisse ihrer Master-Arbeit einfliessen und führt regelmässig 1:1-Gespräche mit ihren Mitarbeitenden. «Ich frage sie jeweils: Wie geht es dir? Damit signalisiere ich: Ich höre zu und nehme deine Anliegen auf. Und zwar regelmässig und nicht erst, wenn es brennt.» Kovacevic Matekalo ist es wichtig, zu betonen, dass es bei solchen Gesprächen nicht um ein Mittel zur Effizienzsteigerung geht, sondern um Gesundheitsförderung als institutionelle Verantwortung: «Es geht nicht darum, dass die Mitarbeiter:innen noch mehr leisten können. Sondern um ihre langfristige Gesundheit.»
Text: Eva Schümperli-Keller
Weitere Informationen
Tatjana Kovacevic Matekalo (29) wuchs in Vodice/Kroatien auf und legte in Ṥibenik die Matura ab. Anschliessend stellte sie sich selbst die Herausforderung, ein Studium in einer Fremdsprache zu absolvieren, und schloss in Graz/Österreich erfolgreich ein Bachelor-Studium in Erziehungs- und Bildungswissenschaften ab. Seit 2019 lebt Tatjana Kovacevic Matekalo in der Schweiz. Im Sommer 2025 erwarb sie den Master in Sozialer Arbeit an der Hochschule Luzern. Seither arbeitet sie als Leiterin zweier Wohngruppen bei der Stiftung zuwebe im Kanton Zug. In der Freizeit macht Tatjana Kovacevic Matekalo Fitness, Meditation und geht gerne wandern – ein Hobby, das sie erst in der Schweiz entdeckt hat.
Master-Thesis
Die Master-Arbeit von Tatjana Kovacevic Matekalo kann hier heruntergeladen werden.
Transformation gestalten - Das Master-Studium in Sozialer Arbeit
Diese Abschlussarbeit ist im Rahmen des Masters in Sozialer Arbeit entstanden. Das Master-Studium ermöglicht Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit eine optimale Positionierung für anspruchsvolle Aufgaben in Praxis, Forschung sowie Lehre und eröffnet neue berufliche Aussichten. Der Master in Sozialer Arbeit ist eine Kooperation der Fachhochschulen Bern, Luzern und St. Gallen. Neben den Basismodulen bieten die Standorte thematische Schwerpunkte zur individuellen Profilschärfung. Mit dem Projektatelier und der Forschungswerkstatt sowie in der Master-Arbeit können die Studierenden aktuelle Fragen aus der Praxis bearbeiten und ihre Forschungshandwerk erproben und schärfen.
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