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#MiSA - Report: «Wer gehört wirklich dazu? Spurensuche auf der Studienreise nach London»

Wie offen ist die briti­sche Gesell­schaft? Dies fragte sich unser Master-Student Nicola Gross. Folgen Sie seinem Blick auf die Spuren der Migra­tion in London, den er nach einem ersten Besuch im 2023 auf der Studi­en­reise des Koope­ra­ti­ons­master Ende letzten Jahres erneuern konnte.

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Selten hinter­liess eine Stadt bei mir so sehr den Eindruck, dass es egal sei, wie man aussieht oder woher man kommt. Doch dies ist die Wahr­neh­mung eines weissen Konti­nen­tal­europäers. Beson­ders auffällig war für mich 2023, dass mein Englisch-Akzent keine Rolle spielte. Die ersten zwei Tage sprach ich aussch­liess­lich mit Menschen, die zwar Englisch spra­chen, aber mit den verschie­densten Akzenten aus aller Welt. Zudem fiel mir auf, wie viel diverser Londons Bevölkerung im Vergleich zur Schweiz ist. Doch ist die Stadt wirk­lich so offen, wie sie scheint? Das konnte ich während meiner Studi­en­reise Ende letzten Jahres überprüfen.

Diver­sity-Politik: Mehr als nur Symbolik?

Am Freitag der Studi­en­reise disku­tierten wir mit einem Dozent am King’s College, über Immi­gra­tion nach Gross­bri­tan­nien. Zwei Aussagen blieben mir beson­ders: Erstens habe er als einge­wan­derter Akade­miker keinen einzigen Freund, der im Verei­nigten Königreich aufge­wachsen sei. Zwei­tens werde an seiner Universität Offen­heit für Immi­gra­tion zwar betont, doch er zweifle daran, ob dies wirk­lich zu struk­tu­rellen Veränderungen führe. Er verglich dies mit seiner Kind­heit in Rumänien, während der Ceaușescu-Diktatur, wo offi­ziell von Gleich­heit gespro­chen wurde, aber niemand daran glaubte: viel­mehr habe die stali­nis­ti­sche Staats­dok­trin der Realität entspro­chen. In London hingegen sei er scho­ckiert, dass viele Menschen fest davon überzeugt seien, Ausgren­zung lasse sich durch reine Symbolik überwinden. Eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung darüber, was es darüber hinaus brauche, fehle oft.

Zugehörigkeit durch Leis­tung?

Ein häufig gehörtes Argu­ment für Gross­bri­tan­nien als Migra­ti­ons­ziel ist der geringe Assi­mi­la­ti­ons­druck. Im Gegen­satz zur Schweiz, wo Inte­gra­tion öffent­lich einge­for­dert wird, gelte hier eher: «Do whatever you want, as long as you pay your taxes.» Diese Haltung erklärt, warum London so viele Commu­ni­ties mit verschie­densten Lebens­weisen hat. Doch sie hat ihre Schat­ten­seiten: Sie basiert auf dem Leis­tungs­prinzip – wer Steuern zahlt, darf bleiben. Wie wir durch die Studi­en­reise lernten, ist das briti­sche Wohl­fahrts­system stark leis­tungs­ori­en­tiert. Der frühere Premier­mi­nister David Cameron sprach sogar von «unnützen» Armen, die nicht produktiv seien. Diese Politik verschärfte sich unter den Premier­mi­nis­tern Boris Johnson und Rishi Sunak weiter und führte zu massiven Kürzungen im Sozi­al­staat.

Wer gehört wirk­lich dazu?

Im Zug von Birmingham nach London sprach ich mit einem Briten mit bangla­de­schi­schen Wurzeln. Er erzählte, dass seine Familie seit drei Gene­ra­tionen in England lebt, er sich aber nie ganz zugehörig fühle. Immer wieder werde ihm die Frage gestellt, warum er «hier» sei. Er sei frus­triert darüber, dass er trotz briti­scher Staatsbürger­schaft oft ausge­grenzt werde. Halb im Ernst meinte er, er würde auswan­dern, wenn ihm der Staat alle Steuern seiner Familie zurückzahlen würde.
Diese Begeg­nung zeigt, dass die Idee, man könne tun und lassen, was man wolle, solange man Steuern zahlt, nicht für alle aufgeht. Gesell­schaften – sei es im Verei­nigten Königreich oder der Schweiz – würden gut daran tun, anderen nicht vorzu­schreiben, ob sie Migrant:innen sind oder nicht. Die Defi­ni­tion der eigenen Identität sollte den Betrof­fenen selbst überlassen bleiben. Beson­ders kritisch ist, wenn Gross­bri­tan­nien seinen ehema­ligen Kolo­nien sugge­riert, deren Bevölkerung könne einfach britisch werden. Viele wollen ihre Identität nicht aufgeben – erst recht nicht für ein Land, das ihre Vorfahren kolo­nia­li­siert hat. Identität ist längst hybrid. Auf Londons Strassen ist dies sichtbar, doch die Struk­turen von Staat und Gesell­schaft spie­geln diese Viel­falt noch nicht wider.

Autor: Nicola Gross

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