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#MiSA - Studie: Gesellschaftliche Partizipation und Sprachschwierigkeiten
Loretta Walther, Master of Science in Sozialer Arbeit, ging in ihrer Masterarbeit der Frage nach, wie Personen mit Lernschwierigkeiten entlang ihrer Bedürfnisse und unter besonderer Berücksichtigung der Sprache gesellschaftlich partizipieren können und welche Schlussfolgerungen sich hieraus für die Soziale Arbeit ergeben.
Sprache zu verstehen und zu produzieren, gilt als eine zentrale Voraussetzung, um in der Gesellschaft aktiv mitzubestimmen und diese mitzugestalten. So basieren beispielsweise demokratische Abstimmungsprozesse auf schriftlichen Dokumenten, Informationen und Formularen. Mitsprachegefässe erfordern meist mündliche Kompetenzen (Stefanowitsch, 2014; Gehlen, 2017). Allerdings ist der Spracherwerb eine komplexe kognitive Leistung, die bei Personen mit Lernschwierigkeiten beeinträchtigt sein kann. Das führt dazu, dass diese Personen daran gehindert sein können, die Gesellschaft eigenständig mitzugestalten.
Diesem Thema widmete ich meine Masterarbeit. Ich ging der Frage nach, wie Personen mit Lernschwierigkeiten entlang ihrer Bedürfnisse und unter besonderer Berücksichtigung der Sprache gesellschaftlich partizipieren können und welche Schlussfolgerungen sich hieraus für die Soziale Arbeit ergeben.
Häufig wird über Personen mit Lernschwierigkeiten geforscht und nur selten werden mit ihnen Ideen und Lösungsansätze ausgearbeitet (Pfister et al., 2020). Deshalb war mir wichtig, Betroffene aktiv in meine Forschungsarbeit zu integrieren. Damit nicht die Sprache selbst zum Ausschlusskriterium meiner Forschungsarbeit wird, konzipierte ich ein Vorgehen, das auf gestalterischen Techniken basiert.
Mit sechs Personen mit Lernschwierigkeiten gestaltete ich eine Bereichskarte gesellschaftlicher Partizipation. Diese zeigt auf, wo sich Betroffene in der Gesellschaft mehr Partizipation wünschen und wie diese aktuell durch die Sprache behindert wird. Zudem haben wir gemeinsam einen Ressourcenkoffer erarbeitet. Er enthält die zentralen Ressourcen zur Sprachproduktion und zum Sprachverständnis, die vorhanden sein und gegeben werden müssen, sodass Partizipation in den gewünschten Bereichen gelingt.
Es zeigte sich, dass die Betroffenen mehr mitbestimmen möchten, wenn mit ihnen oder über sie gesprochen wird. Insbesondere dann, wenn es darum geht, mit welchen Begriffen sie bezeichnet werden. Zudem hindert sie schwierige Sprache daran, wichtige Aktivitäten selbständig anzugehen. Beispiele dafür sind: medizinische Termine wahrnehmen, eine Wohnung suchen und politisch mitbestimmen.
Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus, dass soziale Institutionen, die beispielsweise Wohnraum anbieten, Personen mit Lernschwierigkeiten stärker miteinbeziehen müssten, etwa in Form von Arbeitsgruppen, die aus Betroffenen bestehen. So könnten die Institutionen gewährleisten, dass in der Öffentlichkeitsarbeit oder wenn sie Anliegen der Betroffenen verhandeln, möglichst auf diskriminierende Begriffe verzichtet wird. Weiter wäre wichtig, dass Fachpersonen und Institutionen der Sozialen Arbeit Informationen, die in Leichter Sprache aufbereitet sind, als Instrument der Förderung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung anerkennen, nutzen und einfordern. So wird verhindert, dass Personen mit Lernschwierigkeiten einzig wegen der Sprache auf die Unterstützung Dritter angewiesen sind.
Literatur:
Gehlen, Vera. (2017). Sprache als Mittel zur Exklusion oder wie Sprache über gesellschaftliche Teilhabe entscheidet. In Pierre-Carl Link & Roland Stein (Hrsg.), Schulische Inklusion und Übergänge (S. 231–240). Berlin: Frank & Timme GmbH.
Pfister, Andreas, Studer, Michaela, Berger, Fabian & Georgi-Tscherry, Pia. (2017). Teilhabe von Menschen mit einer Beeinträchtigung (TeMB-Studie). Eine qualitative Rekonstruktion über verschiedene Teilhabebereiche und Beeinträchtigungsformen hinweg [PDF]. Luzern, Zürich: Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik.
Stefanowitsch, Anatol. (2014). Leichte Sprache, komplexe Wirklichkeit. Politik und Zeitgeschichte, 64, 11–8.
Über die Autorin:
Loretta Walther ist seit August 2023 wissenschaftliche Assistentin am Institut Kindheit, Jugend und Familie im Departement Soziale Arbeit der BFH. Parallel dazu absolvierte sie den Kooperations-Master in Sozialer Arbeit. Das Thema der Sprache begleitet sie lange; professionell in der vorherigen Arbeit mit Personen mit Lernschwierigkeiten, ehrenamtlich bei der Unterstützung von Schüler*innen mit Migrationserfahrung sowie privat durch das eigene Erleben von (Fremd-)Sprachen.
Die Masterarbeit ist unter diesem Link bei der Soziothek zu finden:

